Victoria – Wo Schatten und Licht sich berühren

1 – Victoria
Die Stille im Haus erdrückt mich. Sie ist allgegenwärtig und niemand vermag das Loch in meinem Herzen zu füllen, das der Tod meiner Mom hinterlassen hat.
Ihr Bild auf meinem Regal versetzt mir immer wieder einen schmerzhaften Stich in der Brust, aber dennoch lasse ich es an Ort und Stelle stehen, weil es mich an die schönen Zeiten mit ihr erinnert. Und genau die möchte ich in meinem Gedächtnis behalten.
Manchmal ist es schwierig, nur an den positiven Erinnerungen festzuhalten, aber dank meiner Freunde und meines Vaters fällt es mir leichter, meine Trauer loszulassen. Trotzdem schmerzt mich der Verlust noch immer und es wird auch noch einige Zeit dauern, bis ich den Tod meiner Mutter komplett überwunden habe.
Der erste Schultag nach den Sommerferien erwartet mich. Der erste Schultag, an dem ich nur meinem Dad von den Erlebnissen in der Schule berichten kann, wenn ich am Nachmittag heimkomme. Eher lustlos und unmotiviert zwänge ich mich in Jacke, Schuhe, Handschuhe und meinen Schutzhelm, bevor ich mich auf den Weg zur Haltestelle mache. Da die Sonne am Morgen noch recht tief steht, darf auch eine Sonnenbrille nicht fehlen, um meine Augen zusätzlich zu schützen. Nervig, aber notwendig.
An der Straßenecke werde ich bereits von meiner besten Freundin Virginia und Austauschschülerin Francesca erwartet, die nun ein Jahr lang bei Vini und ihrer Mutter lebt. Sie kommt aus Deutschland und ist bereits seit drei Wochen zu Gast in Florida. Seither bemüht sie sich, meine Freundschaft zu gewinnen, und bis jetzt ist sie mir recht sympathisch.„Guten Morgen“, begrüße ich die beiden mit einem kleinen Lächeln und umarme zunächst Virginia und dann Francesca, die meinen Gruß erwidern. Dann machen wir uns gemeinsam auf den Weg zur Haltestelle.
Weitere Schüler tummeln sich bereits in kleinen Gruppen an der Straße und erzählen fröhlich von ihren Ferien. Manche tauschen untereinander kleine Geschenke aus, während wir uns still ein Stück abseits der anderen Schüler stellen. Wir haben uns nichts zu erzählen. Meine Freunde hatten auf ihre geplanten Urlaube verzichtet, um bei mir zu sein, nachdem sie erfahren hatten, dass meine Mutter an Krebs erkrankt war. Sie wollten mir beistehen und mich auffangen. Ich bin ihnen noch immer unglaublich dankbar dafür, denn es ist nicht selbstverständlich, dass sie für mich ihre Urlaube abgesagt haben. Aber das zeigte mir, dass ich es bei Virginia und meinem besten Freund Jake mit wahren Freunden zu tun habe.
„Wann soll der Bus hier sein?“, fragt Francesca und sieht Virginia an. Aufgeregt verlagert sie ihr Gewicht von einem Bein auf das andere.
„Er sollte jeden Moment hier sein. Manchmal dauert es ein wenig, weil um diese Zeit auf den Straßen viel los ist“, antwortet Virginia und Francesca nickt. Ich beobachte schweigend.
Kurz darauf biegt der gelbe Schulbus um die Ecke. Als er anhält, warten wir, bis die anderen Schüler sich in den Bus gedrängt haben, ehe wir einsteigen und Virginia und ich unsere Stammplätze einnehmen. Francesca setzt sich in die Reihe neben uns.
„Das sind unsere Stammplätze. Vicky und ich sitzen schon seit Jahren immer auf den gleichen Plätzen“, erklärt Virginia entschuldigend, aber Francesca grinst nur.
„Alles gut, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Wegen mir musst du nichts anders machen, als du es gewohnt bist“, meint sie freundlich und ich stelle fest, dass ich ihren deutschen Akzent irgendwie mag. Ihre Aussprache ist zwar fließend, aber dennoch höre ich heraus, dass sie gebürtig nicht aus den USA kommt.
„Es ist echt ungewohnt, mit einem Schulbus zur Schule zu fahren. Bei mir in Deutschland muss ich immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Da ist das hier echt Luxus“, erzählt sie während der Fahrt.
„Dann gewöhn dich das Jahr über nicht zu sehr daran. Sonst musst du dich in Deutschland wieder umgewöhnen“, meine ich und kichere tatsächlich über meine Worte.
„Ich glaube, es gibt Schlimmeres. Und das Schuljahr fängt ja erst an“, erwidert Francesca und lacht ebenfalls.
Nach knapp fünfzehn Minuten Fahrt kommen wir an der Cocoa Beach Junior/Senior High School an. Wie schon beim Einsteigen lassen wir auch beim Aussteigen den anderen Schülern den Vortritt. Ich mag das Gedränge nicht, fühle mich eingeengt zwischen all den Schülern.
Als wir es dann aus dem Bus hinausgeschafft haben, kommt uns bereits unser bester Freund Jake entgegengelaufen. Mein Herz schlägt gleich einige Takte schneller, als ich ihn sehe, und ein Kribbeln breitet sich in meinem Bauch aus. Schon seit einigen Monaten geht das so. Bereits als meine Mutter noch lebte, merkte ich, dass ich irgendwie mehr für ihn empfinde als nur Freundschaft. Doch als meine Mutter ihre Diagnose bekam, rückten diese Gefühle in den Hintergrund. Die letzte Zeit mit ihr war wichtiger gewesen. Nun aber, wo ich Jake seit gut zwei Wochen nicht gesehen habe, sind diese verdrängten Gefühle präsenter denn je. Besonders, weil er direkt auf mich zukommt.
„Guten Morgen, Vicky“, sagt er zu mir und schließt mich in eine zärtliche Umarmung. Er schenkt mir ein freundliches Lächeln, als er mich wieder loslässt. Seine Hände bleiben einen Moment auf meinen Schultern liegen.
„Guten Morgen, Jake“, erwidere ich und spüre, wie sich meine Wangen rot verfärben.
„Wie geht es dir?“, fragt er mich.
„So weit gut“, antworte ich mit gesenktem Blick, denn so ganz entspricht das nicht der Wahrheit. Jake drückt meine Schultern sanft. Er weiß sofort, dass meine Worte halb gelogen sind. Sein Ausdruck sagt mehr als tausend Worte, aber er wendet sich Virginia und Francesca zu, die er beide ebenfalls mit einer Umarmung begrüßt, die wesentlich kürzer ausfällt als bei mir. Kurz frage ich mich, ob das etwas zu bedeuten hat, aber ich verwerfe diesen Gedanken schnell wieder.
„Ich gehe schon mal rein“, sage ich stattdessen und wende mich zum Gehen.
„Warte, ich begleite dich“, höre ich Jake sagen. Innerhalb von drei Sekunden befindet er sich neben mir und wir betreten gemeinsam das Schulgebäude.
Ich spüre, wie er mich ansieht, als wir den Gang entlanglaufen, um zu unseren Spinden zu gelangen.
„Was ist?“, frage ich ihn grinsend und Jake wendet ertappt seinen Blick ab.
„Nichts, ich möchte einfach nur sichergehen, dass es dir gut geht“, antwortet er, aber so ganz überzeugend klingt das für mich nicht. Da war noch etwas anderes, was aber nun verschwunden ist, als ich ihn ansehe.
Innerlich schüttele ich den Kopf. Ich darf mir keine zu großen Hoffnungen machen, sage ich mir selber und bin froh, als wir nur wenig später unsere Spinde erreichen.
Ich krame meinen Schlüssel aus der Tasche, und als ich den schmalen Schrank öffne, blicken mir von der Innenseite der Tür auf einem Foto meine Freundinnen aus dem Cheerleader-Team entgegen. Mit einem kleinen Lächeln schaue ich auf die Aufnahme und stelle erfreut fest, dass mir das Training mit ihnen fehlt. Schon am nächsten Tag soll es wieder so weit sein.
Schnell suche ich alles raus, was ich für die erste Unterrichtsstunde brauche, und bald betreten wir zu viert den Raum für den Englischunterricht. Unsere Kursleiterin Mrs. Brown ist bereits da und bereitet ihre Stunde vor.
Als ich mich kurz im Raum umsehe, entdecke ich ein fremdes Gesicht. Ein Junge mit schwarzen Haaren und dunklen Augen sitzt in der zweiten Reihe, direkt schräg hinter meinem Platz. Er wirkt genervt auf mich und kritzelt gelangweilt auf seinem Block herum. Kurz sieht er auf, als wir uns nebeneinander an den Einzeltischen in der ersten Reihe niederlassen, und sein Blick bleibt auf mir hängen.
„Von welchem Stern kommst du denn, dass du so rumläufst?“, fragt er frech und ich schaue den Fremden erschrocken an.
„Hast du ein Problem?“, frage ich und ziehe mir den Schutzhelm vom Kopf. Innerlich zittere ich. Ich könnte im Boden versinken. Erste Stunde und schon so ein Auftritt.
„Das wollte ich auch gerade fragen“, meint Virginia und sieht den Jungen ebenso erschrocken an wie ich.
„Miguel, so sprechen wir hier nicht mit unseren Mitschülern“, mischt sich Mrs. Brown in das Gespräch ein und schaut den Neuling tadelnd an.
„Verzeihung, Mrs. Brown“, murmelt er, wirft mir einen letzten abschätzigen Blick zu und wendet seine Aufmerksamkeit wieder auf die Kritzeleien in seinem Block.
Als wir uns hingesetzt haben, werfen Virginia und ich uns ratlose Blicke zu. Sie weiß sofort, was ich denke.
Auch Francesca schaut fassungslos in meine Richtung und schüttelt den Kopf, was ich als Unverständnis für die vorige Aktion von Miguel deute.
Kurz drehe ich mich zu ihm um, aber er ist in seinen Kritzeleien vertieft. Er sucht sich das leichteste Opfer. Und ich stehe halt sofort im Mittelpunkt. Das kann also noch heiter werden.